{"id":377,"date":"2025-03-02T07:24:09","date_gmt":"2025-03-02T07:24:09","guid":{"rendered":"https:\/\/andreasbraune.de\/?p=377"},"modified":"2025-03-05T08:50:58","modified_gmt":"2025-03-05T08:50:58","slug":"geschichtsmesse-2025-business-as-usual-in-erschreckenden-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreasbraune.de\/?p=377","title":{"rendered":"Geschichtsmesse 2025. Business as usual in erschreckenden Zeiten?"},"content":{"rendered":"\n<p>Endlich haben wir es mit dem Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte einmal zur Geschichtsmesse der Bundesstiftung Aufarbeitung geschafft. Recht passend: Unser Festival wird dieses Jahr zum 17. Mal stattfinden, und auch die Geschichtsmesse fand zum 17. Mal statt, wie gewohnt im Ringberg Hotel in Suhl, nahe dem geographischen Mittelpunkt Deutschlands.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum waren wir bislang nicht dabei? Auf der Geschichtsmesse trifft sich traditionell \u201edie bunte Welt der Aufarbeitung\u201c, wie auch der Programmteil am letzten Messetag hie\u00df, der die vielf\u00e4ltige Arbeit der Stiftung vorstellte. Unser Festival bietet bekanntlich Veranstaltungen zu allen denkbaren historischen Epochen. Zeitgeschichtliche Fragen spielen dabei auch immer eine wichtige Rolle, zumal, wenn wir die historisch gewachsenen Herausforderungen unserer Gegenwart diskutieren wollen. Und auch die Diktaturerfahrungen und ihre \u00dcberwindung in Ostdeutschland und Mittel- und Osteuropa sind immer wieder Themen auf unseren Veranstaltungen. Aber sie machen eben auch immer nur einen Teil unseres Programms aus. Au\u00dferdem gab es einen ganz praktischen Grund: Die Geschichtsmesse findet immer im Februar statt \u2013 einer Zeit im Jahr, in der bei uns die Programmplanung f\u00fcr den November erst am Anfang steht und wir auch noch um jeden Euro unseres Festivalbudgets k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Ein fertiges Produkt kann man daher noch nicht pr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein wunderbarer \u201eMarktplatz der Erinnerungskultur\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Und warum nun doch? Weil genau das der Vorteil von Messen ist: Selbst wenn das Produkt noch nicht fertig ist, kann man sich tolle Ideen daf\u00fcr holen, sich inspirieren lassen, hilfreiche Kontakte kn\u00fcpfen, neue Leute und spannende Projekte kennenlernen\u2026. von denen manche im November vielleicht auch in unserem Programm auftauchen. Und nat\u00fcrlich kann man die Modellreihe und den neusten Prototypen auf einer Messe mit so vielen geschichtsinteressierten Professionals aus ganz Deutschland auch wunderbar bewerben. Auf also nach Suhl und zur\u00fcck in den Winter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein umfangreiches Programm unter dem Titel \u201eWas ist Deutschland? Einheit und Vielheit 35 Jahre nach der deutschen Vereinigung in Europa\u201c und \u00fcber 50 Aussteller und Projektpr\u00e4sentationen \u2013 von denen wir jeweils einer waren, l\u00f6sten unsere Erwartungen auch wunderbar ein. Die Arbeit der Bundesstiftung und der vielen Initiativen, Organisationen und Projekttr\u00e4ger ist wirklich beachtlich und beeindruckend. So viele spannende Projekte, Aufarbeitungs- und Nachforschungsvorhaben. Und vor allem auch so viele innovative Ideen der Geschichtsvermittlung und Erinnerungsarbeit, die gerade in diesem zeitgeschichtlichen Kontext viel auf die Arbeit mit Zeitzeug*innen und partizipative, kommunikative Formate setzen. All das hat uns sehr beeindruckt. Auch die vielen Gespr\u00e4che, neu gekn\u00fcpften Kontakte und manch alte Bekannte, die wir auch getroffen haben, gaben uns das Gef\u00fchl, hier richtig zu sein und auch wiederkommen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Community st\u00e4rkt sich, hinterfragt sich aber nicht<\/h2>\n\n\n\n<p>Und zugleich kamen ein paar Eindr\u00fccke hinzu, die sich als Neuling bei einer so einge\u00fcbten Veranstaltung vielleicht eher ergeben, als wenn man \u201aschon immer\u2018 dabei ist. Das fing beim Einchecken im wundersch\u00f6n gelegenen Ringberg Hotel und der Er\u00f6ffnung an. Es geh\u00f6re zum augenzwinkernden Selbstverst\u00e4ndnis der Messe, dass das Community-Gef\u00fchl noch einmal dadurch gest\u00e4rkt wird, dass man vom Hotel nicht so leicht wegkommt, wenn man einmal dort ist. In der Tat geht man die zweieinhalb Tage wirklich in Klausur. Dieser Klausurcharakter werde \u2013 und es geht noch immer augenzwinkernd seitens des Orga-Teams weiter \u2013 wiederum noch einmal dadurch gest\u00e4rkt, dass alle Teilnehmenden aufgrund der schlechten Internetverbindung des Hotels ein paar Tage unfreiwilliges online-Detox erleben m\u00fcssen. Und damit sind wir beim Thema. Ich habe in der Tat selten in einem Hotel in Deutschland einen so schlechten Handy-Empfang und so schlechte Internetversorgung gehabt\u2026. au\u00dfer vielleicht mal im Bayerischen Wald nahe der tschechischen Grenze. Das soll keine N\u00f6rgelei eines \u00fcberheblichen St\u00e4dters sein, sondern zu dem Elefanten \u00fcberleiten, der \u00fcberall in Suhl im Raum stand: die Wahlerfolge der AfD bei der Bundestagswahl eine Woche zuvor und die oft beschworene \u201aLandkarte\u2018, die die deutsche Teilung bei ihren Erfolgen sehr drastisch abbildet. Iris Gleicke, selbst aus Suhl stammend und von 2014 bis 2018 Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr die Neuen Bundesl\u00e4nder, wies darauf hin, was man gerade viel h\u00f6rt: es m\u00fcssen konkrete Probleme gel\u00f6st werden, will man das wieder in den Griff kriegen. In diesem Lichte ist die digitale Abschottung des Messestandortes geradezu skandal\u00f6s. Denn wie kann es sein, dass es keine vern\u00fcnftige Internetleitung zu einem gro\u00dfen Hotel gibt? In einer Region, die ganz wesentlich vom Tourismus lebt! Und ganz ehrlich: dann kann man einen Anteil von 50% Protestwahl verstehen, egal, wohin der Protest f\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles sind Umst\u00e4nde, f\u00fcr die weder die Bundesstiftung Aufarbeitung noch ihre Community verantwortlich sind. Bildungstr\u00e4ger und Bundesstiftungen verlegen keine Internetkabel und organisieren auch nicht den \u00d6PNV oder die medizinische Versorgung im l\u00e4ndlichen Raum. Gleichwohl: Es war schon ein ziemliches Business as usual in Suhl. In den Vortr\u00e4gen, Diskussionen und vielen Gespr\u00e4chen sp\u00fcrte man zwar den Schreck \u00fcber die Bundestagswahl und die 551 Fragen der Unionsfraktion zur \u00f6ffentlichen Finanzierung zivilgesellschaftlicher Organisationen. Was ich dann jedoch etwas vermisst habe, war der Schritt von diesem Schrecken hin zu einer kritischen Selbstreflexion. Niemandem kam \u2013 zumindest nicht auf offener B\u00fchne und meiner Kenntnis nach \u2013 der Satz \u00fcber die Lippen: \u201eDa m\u00fcssen wir uns auch mal selbst fragen, ob wir die letzten Jahre alles richtig gemacht haben.\u201c Eine Diskussion hier\u00fcber fand erst recht nicht statt, auch nicht auf der Abschlussdiskussion \u201eWie resilient ist unsere Demokratie?\u201c, die daf\u00fcr Anlass geboten h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nicht missverstanden zu werden: Mir f\u00e4llt auf Anhieb gar nicht so viel ein, was man da h\u00e4tte anders machen k\u00f6nnen oder sollen. Und die \u201ebunte Welt der Aufarbeitung\u201c zeigt ja ein wirklich beeindruckendes Programm von der Wissenschaft bis zur Geschichtsvermittlung. An Geld, Personal und Herzblut vieler engagierter Menschen in- und au\u00dferhalb der Stiftung hat es offenbar nicht gefehlt. Und nat\u00fcrlich tr\u00e4gt die Aufarbeitungscommunity keine Schuld an dem starken Abschneiden der Rechtsextremen, die ja auch anderswo auf dem Vormarsch sind und in den USA gerade den \u201aWesten\u2018 zerlegen. All das hat viele und komplexe Gr\u00fcnde. Aber ganz offensichtlich haben 35 Jahre Aufarbeitung der SED-Diktatur (davon 27 Jahre durch die 1998 gegr\u00fcndete Stiftung) auch nicht zu einer resilienten demokratischen Kultur in den neuen Bundesl\u00e4ndern gef\u00fchrt. Denn bis auf wenige gesellschaftliche und lokale Nischen gibt es die nicht. An deren Aufbau und Pflege mitzuwirken geh\u00f6rt nun wiederum doch zum Auftrag der Stiftung, weswegen sich (wie bei anderen Akteuren der politischen Bildung auch) die Frage irgendwann schon stellen sollte: \u201eWas haben wir richtig gemacht? Was haben wir falsch gemacht?\u201c Wenn der Titel der 18. Geschichtsmesse Ende Februar 2026 noch nicht feststehen sollte: vielleicht w\u00e4re das ja eine Idee? Dabei sollen die Fragen kein Blame Game in die Vergangenheit bewirken, sondern nach vorn gerichtet sein: \u201eWas k\u00f6nnen wir also besser machen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie gesagt: Wir kommen gern wieder und diskutieren mit\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich haben wir es mit dem Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte einmal zur Geschichtsmesse der Bundesstiftung Aufarbeitung geschafft. Recht passend: Unser Festival wird dieses Jahr zum 17. Mal stattfinden, und auch die Geschichtsmesse fand zum 17. Mal statt, wie gewohnt im Ringberg Hotel in Suhl, nahe dem geographischen Mittelpunkt Deutschlands. 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