{"id":257,"date":"2025-02-13T10:30:12","date_gmt":"2025-02-13T10:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/andreasbraune.de\/?p=257"},"modified":"2025-03-05T08:51:57","modified_gmt":"2025-03-05T08:51:57","slug":"20-verschenkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreasbraune.de\/?p=257","title":{"rendered":"20% verschenkt? Wie die 5%-H\u00fcrde dem Repr\u00e4sentationsprinzip schadet und die AfD st\u00e4rkt."},"content":{"rendered":"\n<p>Es war mal das kleine Einmaleins des Sozialkundeunterrichts und der politikwissenschaftlichen Einf\u00fchrungsliteratur: Die 5%-H\u00fcrde ist eine der entscheidenden \u201eLehren aus Weimar\u201c und ein Garant f\u00fcr die Stabilit\u00e4t der bundesdeutschen Demokratie. Denn sie verhindere zuverl\u00e4ssig, dass sich extremistische Kr\u00e4fte dauerhaft im Parlament etablieren k\u00f6nnen. Da die Weimarer Republik einen solchen Abwehrmechanismus nicht kannte, sei sie dem Aufstieg extremistischer Parteien schutzlos ausgeliefert gewesen. Sowas k\u00f6nne der Bundesrepublik nicht passieren. Ein Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Pech nur, dass es l\u00e4ngst passiert ist. Allein das w\u00fcrde gen\u00fcgen, um die Sinnhaftigkeit der Sperrklausel zu hinterfragen. Was aber, wenn sie mittlerweile sogar dazu beitr\u00e4gt, die Position einer gewissen demokratiefeindlichen Partei zu st\u00e4rken, die sich l\u00e4ngst im Bundestag etabliert hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Um zu verstehen, wieso das der Fall sein k\u00f6nnte, sei zun\u00e4chst an die Bundestagswahl 2013 erinnert, deren Ergebnis zur zweiten Gro\u00dfen Koalition unter Angela Merkel f\u00fchrte. Im 18. Deutschen Bundestag waren erstaunlicherweise nur vier (bzw. f\u00fcnf) Parteien vertreten: CDU\/CSU, SPD, Linke und Gr\u00fcne. Der Grund: FDP und AfD waren denkbar knapp an der 5%-H\u00fcrde gescheitert, die FDP mit 4,8&nbsp;%, die AfD mit 4,7&nbsp;%. Beide Parteien hatten zusammen ca. 4,1 Millionen Zweitstimmen errungen, die nicht Eingang in die parlamentarische Repr\u00e4sentation gefunden haben. Zusammen mit den \u201esonstigen\u201c Parteien verfielen insgesamt sogar ca. 6,8 Mio. Zweitstimmen bzw. 15,7&nbsp;% an Zweitstimmenanteil.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"wp-block-themeisle-blocks-advanced-heading-57f286b7\" class=\"wp-block-themeisle-blocks-advanced-heading wp-block-themeisle-blocks-advanced-heading-57f286b7\">Jede Stimme z\u00e4hlt? Sch\u00f6n w\u00e4r\u2018s<\/h2>\n\n\n\n<p>Aktuelle Umfragewerte vor der anstehenden Bundestagswahl weisen auf ein noch drastischeres Szenario hin, das nicht v\u00f6llig unrealistisch ist. Mit FDP, Linke und BSW bewegen sich gleich drei Parteien um einen Wert von 5&nbsp;%. Je nach Umfrageinstitut kommen die \u201esonstigen\u201c Parteien auch auf ca. 5 bis 8&nbsp;% &#8211; in Summe also ca. 20&nbsp;% der Stimmen. Sollten die genannten Parteien den Einzug in den Bundestag tats\u00e4chlich verpassen, hie\u00dfe das nichts anderes, als dass <em>jede f\u00fcnfte <\/em>der abgegebenen Stimmen keine parlamentarische Stimme erh\u00e4lt. In absoluten Zahlen: Je nach Wahlbeteiligung k\u00f6nnten die Stimmen von \u00fcber acht Millionen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern verfallen. Der vor den Wahlen zur Mobilisierung oft bem\u00fchte Slogan \u201eJede Stimme z\u00e4hlt!\u201c m\u00fcsste wie Hohn anmuten, und der 21. Deutsche Bundestag m\u00fcsste sich zu Recht die Frage gefallen lassen, mit welchem Anspruch er die Breite und Pluralit\u00e4t der Wahlbev\u00f6lkerung repr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schaden an demokratischer Legitimation f\u00fcr die wichtigste Institution der parlamentarischen Demokratie ist das eine, die numerische und personelle St\u00e4rkung der AfD, die damit einherginge, w\u00e4re das andere. Denn die Rechtsextremen<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[2]<\/a> w\u00fcrde (wie die \u00fcbrigen dann im Parlament vertretenen Parteien auch) erheblich von diesem Szenario profitieren. Der Grund: Die Sitzverteilung erfolgt nun nicht mehr gem\u00e4\u00df dem Anteil am Gesamtergebnis, sondern in Bezug auf den Anteil an den parlamentarisch vertretenen Stimmen. Um das zu verdeutlichen, noch einmal der Blick auf 2013 und \u2013 als Beispiel \u2013 die SPD: Sie hatte bei der Wahl 25,7&nbsp;% der Zweitstimmen errungen, war im 18. Deutschen Bundestag aber mit 193 von 630 Abgeordneten vertreten: 30,6&nbsp;%. Das galt f\u00fcr alle damals im Bundestag vertretenen Parteien:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table is-style-regular has-small-font-size\" style=\"margin-right:0;margin-left:0;padding-right:0;padding-left:0\"><table style=\"border-width:1px\"><tbody><tr><td>Partei<\/td><td>Ergebnis Zweitstimme<\/td><td>Mandate von 630<\/td><td>Anteil Mandate<\/td><td>\u00dcberrepr\u00e4sentation<\/td><\/tr><tr><td>CDU\/CSU<\/td><td>41,5 %<\/td><td>309<\/td><td>49,0 %<\/td><td>7,5 %<\/td><\/tr><tr><td>SPD<\/td><td>25,7 %<\/td><td>193<\/td><td>30,6 %<\/td><td>4,9 %<\/td><\/tr><tr><td>Gr\u00fcne<\/td><td>8,4 %<\/td><td>63<\/td><td>10 %<\/td><td>1,6 %<\/td><\/tr><tr><td>Linke<\/td><td>8,6 %<\/td><td>64<\/td><td>10,2 %<\/td><td>1,6 %<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><figcaption class=\"wp-element-caption\">Tabelle 1: Bundestagswahl 2013 und 18. Deutscher Bundestag<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[3]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Anschauungsbeispiel bieten die deutschen Sitze im Europaparlament, nur eben umgekehrt. Denn seit 2014 finden die deutschen Wahlen zum EU-Parlament ohne Sperrklausel und auf Basis eines reinen Mehrheitswahlrechts statt. Die Effekte sind besonders leicht erkennbar, da Deutschland 99 Sitze zustehen. Es gen\u00fcgt also etwas weniger als ein Prozent, um einen Sitz zu erringen. Die Folge: aktuell entsenden 15 Parteien aus Deutschland Abgeordnete ins EU-Parlament, von denen bei der Wahl im vergangenen Jahr sieben \u00fcber 5&nbsp;% lagen, acht darunter. Diese acht Parteien schicken zusammen 15 Abgeordnete nach Br\u00fcssel und Stra\u00dfburg. W\u00e4ren sie an einer 5%-H\u00fcrde gescheitert, w\u00fcrden diese 15 Mandate auf die erfolgreichen Parteien verteilt werden, unter ihnen die AfD, die dann etwa zwei bis drei EU-Abgeordnete mehr h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz: Die Sperrklausel f\u00fchrt nicht nur zu einer fehlenden Repr\u00e4sentation der ausgeschiedenen Parteien, sondern auch zu einer systematischen \u00dcberrepr\u00e4sentation der erfolgreichen Parteien. Je st\u00e4rker der erste Effekt, desto gr\u00f6\u00dfer auch der zweite. Wobei gilt: je erfolgreicher eine Partei, desto gr\u00f6\u00dfer auch die \u00dcberrepr\u00e4sentation, da sie vom zu verteilenden Mandatekuchen ein gr\u00f6\u00dferes St\u00fcck erh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"wp-block-themeisle-blocks-advanced-heading-ff82d468\" class=\"wp-block-themeisle-blocks-advanced-heading wp-block-themeisle-blocks-advanced-heading-ff82d468\">Droht uns eine verst\u00fcmmelte Repr\u00e4sentation?<\/h2>\n\n\n\n<p>Und dieser Effekt w\u00e4re so gro\u00df wie wahrscheinlich nie zuvor bei einer Bundestagswahl, sollten FDP, Linke und BSW am 23. Februar den Einzug in den Bundestag verpassen. Je nach dem, wie erfolgreich die AfD abschneiden wird, gehen dann etwa 20&nbsp;% der Sitze, die von Vertreter*innen dieser drei Parteien eingenommen worden w\u00e4ren, an AfD-Abgeordnete, die sonst den Einzug in den Bundestag nicht geschafft h\u00e4tten. Ohne Not k\u00f6nnte die AfD-Fraktion auf etwa 20 zus\u00e4tzliche Sitze hoffen, die ihr sonst nicht zust\u00fcnden. Damit einhergehend: mehr Fraktionsgelder, Mitarbeiter*innen, Ausschusssitze, Redeanteil etc. Anders ausgedr\u00fcckt: Es k\u00f6nnte passieren, dass die 5%-H\u00fcrde demokratische Parteien aus dem Parlament fernh\u00e4lt, w\u00e4hrend sie die AfD und deren Zersetzungsstrategie st\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sperrklausel hat es also nicht nur nicht geschafft, die Etablierung der AfD im Parlament zu verhindern, sondern sie st\u00e4rkt und festigt sie nun. Mehr noch: sie verhindert \u2013 zum Teil sicher, zum Teil m\u00f6glicherweise \u2013 dass die Perspektiven von FDP, BSW, Linke, aber auch von VOLT, Freien W\u00e4hlern und anderen im Parlament zu Wort kommen. Ohne deren inhaltliche Positionen bewerten zu wollen, bedeutet das eine Verarmung des parlamentarischen Diskurses und ein Beschneiden der demokratischen Grundrechte von vielleicht acht Millionen W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"wp-block-themeisle-blocks-advanced-heading-95091ba8\" class=\"wp-block-themeisle-blocks-advanced-heading wp-block-themeisle-blocks-advanced-heading-95091ba8\">Fortsetzung folgt? Wahlrechtsdiskussionen nach der Wahl dringend gebraucht<\/h2>\n\n\n\n<p>Daher gilt: Unabh\u00e4ngig davon, ob das hier skizzierte Szenario eintritt oder nicht, sind die Debatten um das Wahlrecht zum Deutschen Bundestag noch lange nicht abgeschlossen. Die Tage der 5%-H\u00fcrde sollten jedenfalls gez\u00e4hlt sein, schon allein deshalb, weil das hier beschriebene Szenario realistisch ist. Kein Wahlrecht, das auf den Prinzipien der Verh\u00e4ltniswahl fu\u00dft, kann es sich erlauben, ein F\u00fcnftel der Stimmen f\u00fcr irrelevant zu erkl\u00e4ren. Es wird also viel zu diskutieren und vielleicht auch einiges rechtlich anzufechten sein. Denn schon der f\u00fcr diese Wahl gefundene Wahlrechtskompromiss zur Begrenzung der Gr\u00f6\u00dfe des Bundestages ist \u2013 gelinde gesagt \u2013 Murks, der den W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern kaum zu vermitteln ist. Daher gilt in der Politik \u00e4hnlich wie im Ballsport: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler haben ein Recht auf ein gerechtes, transparentes und verst\u00e4ndliches Wahlrecht. Wir sind mit den derzeitigen Regelungen wohl weiter davon entfernt denn je.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026. Fortsetzung hier folgt auch. Unter anderem mit einem Hinweis darauf, warum das Wahlrecht der Weimarer Republik viel, viel sch\u00f6ner ist. Stay tuned&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Und zur Info: <a href=\"https:\/\/www.wahlrecht.de\/lexikon\/sperrklauseln.html\">Hier<\/a> eine \u00dcbersicht von Sperrklauseln weltweit. Vielleicht sollten wir von Albanien lernen, und unsere Sperrklausel einfach auf 2,5&nbsp;% halbieren?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Nachweis: siehe <a href=\"https:\/\/www.bundeswahlleiterin.de\/info\/presse\/mitteilungen\/bundestagswahl-2013\/2013-10-09-endgueltiges-amtliches-ergebnis-der-bundestagswahl-2013.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[2]<\/a> Ich folge bei dieser Wortwahl der Hape-Kerkeling-Doktrin, der zufolge eine \u201ein Teilen\u201c rechtsextreme Partei in G\u00e4nze rechtsextrem ist.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[3]<\/a> Nachweis: siehe <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1010681\/umfrage\/sitze-der-deutschen-parteien-im-europaeischen-parlament\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier <\/a>und <a href=\"https:\/\/www.bundeswahlleiterin.de\/europawahlen\/2024\/ergebnisse\/bund-99.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war mal das kleine Einmaleins des Sozialkundeunterrichts und der politikwissenschaftlichen Einf\u00fchrungsliteratur: Die 5%-H\u00fcrde ist eine der entscheidenden \u201eLehren aus Weimar\u201c und ein Garant f\u00fcr die Stabilit\u00e4t der bundesdeutschen Demokratie. 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